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Der Delegated Act zum Carbon Footprint von EV-Batterien: Was jetzt auf die Industrie zukommt und warum Vereinfachung der einzige funktionierende Weg sein wird

Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einem der technisch anspruchsvollsten Regulierungsbausteine der neuen Batterieverordnung: dem Delegated Act zur Methodologie der Berechnung und Verifizierung des CO₂-Fußabdrucks von Batterien für Elektrofahrzeuge.

Für diesen Beitrag haben wir uns alle 127 eingegangenen Rückmeldungen von Unternehmen, Verbänden, NGOs und Behörden im Detail angesehen und ausgewertet. Die Analyse zeigt deutlich: Die Branche erkennt die Ziele der Regulierung an, aber der aktuelle methodische Ansatz droht, an der Realität globaler Lieferketten und der technischen Machbarkeit vorbeizulaufen.

1. Ein ambitionierter Anspruch

Der Draft des Delegated Acts verfolgt ein nachvollziehbares Ziel: Transparente, vergleichbare CO₂-Footprints über den gesamten Lebenszyklus von Batterien. Die Methodik soll sich strikt an der Product Environmental Footprint (PEF)-Methodik der EU orientieren, wissenschaftlich sauber, vollständig und harmonisiert.

Doch die Rückmeldungen zeichnen ein anderes Bild:
Die Komplexität ist enorm und paradoxerweise ist gerade deshalb nicht sichergestellt, dass der ausgewiesene Carbon Footprint überhaupt die intendierte Genauigkeit erreicht.

Viele Betriebe, insbesondere KMU, betonen:

  • Die Methodik verlangt hochgranulare Prozess- und Materialdaten.

  • Gleichzeitig müssen an vielen Stellen mangels verfügbarer Daten Sekundärdaten eingesetzt werden.

  • Diese Sekundärdaten sind jedoch selten spezifisch genug, um tatsächlich den realen CO₂-Footprint abzubilden.

Damit ergibt sich eine paradoxe Situation:
Die Berechnung ist maximal komplex aber die Ergebnisqualität bleibt unsicher.
Oder noch deutlicher: Ein hochdetaillierter Rechenweg auf Basis unzureichender Eingangsdaten garantiert keine realitätsnahen Werte.

Mehr Detailtiefe führt also nicht automatisch zu mehr Wahrheit.

2. Eine unlösbare Herausforderung für Europäische Zellkonfektionäre

Ein kritischer Punkt, der in vielen Stellungnahmen sehr deutlich wurde:
Europäische Zellkonfektionäre haben faktisch keine Chance, an echte Primärdaten aus der Zellproduktion zu gelangen, sofern diese nicht direkt vom Zellhersteller mitgeliefert werden.

Warum?

  • Einzelzellen fallen (noch) nicht unter die Pflicht zum Batteriepass.

  • Ohne Batteriepasspflicht besteht keine regulatorische Grundlage, Daten einzufordern.

  • Viele asiatische Hersteller betrachten Prozessdaten, Materialzusammensetzungen und LCI-relevante Primärdaten als streng vertrauliches Know-how.

  • Selbst wenn Daten existieren, werden sie häufig nicht in einer Form bereitgestellt, die EU-konforme LCA-Methoden zulassen.

Damit wird die Verantwortung für den CO₂-Footprint dem europäischen „economic operator“ übertragen aber dieser kann die benötigten Daten in vielen Fällen schlicht nicht beschaffen.

Die Konsequenz ist gravierend:
Zellkonfektionäre müssen zwangsläufig auf Sekundärdaten zurückgreifen unabhängig davon, ob diese den realen Fußabdruck der gelieferten Zellen auch nur annähernd widerspiegeln.

Das delegierte Gesetz verlangt also Genauigkeit, eröffnet aber in der Praxis gar nicht die Möglichkeit, diese Genauigkeit überhaupt zu erreichen.

3. Die Industrie fordert: weniger Komplexität, mehr robuste Standardisierung

Aus unserer Analyse der 127 Rückmeldungen ergeben sich drei klare Trends:

  1. Einheitliche und geprüfte Standarddatensätze werden als zwingend notwendig erachtet.

  2. Ein Carbon Footprint Data Stock eine zentrale EU-Datenbank mit standardisierten LCI-Werten wird von vielen Akteuren ausdrücklich gefordert.

  3. Die Branche wünscht sich ein einfacheres, robusteres, praktikableres Verfahren, das international funktioniert.

Auffällig ist ein Widerspruch in vielen Stellungnahmen:
Auf der einen Seite wünschen sich Unternehmen Differenzierung über echten Grünstrom (PPA), innovative Prozesse oder Recyclinganteile.
Auf der anderen Seite fordern sie eine weniger kleinteilige Methodik, die genau diese Differenzierung tendenziell einhegt.

Dieser Konflikt ist ungelöst und wird darüber entscheiden, ob der Delegated Act künftig als Innovationsmotor oder als Bürokratietreiber wirkt.

4. Ein realistischer Blick: Die Hauptemissionen liegen in der Materialkette

Mehrere Hersteller weisen darauf hin, dass der CO₂-Footprint zu über 70–80 Prozent durch:

  • Rohstoffgewinnung,

  • Raffination,

  • Vorverarbeitung

bestimmt wird.

Der Gestaltungsspielraum europäischer OEMs oder Zellkonfektionäre, etwa über Grünstrom oder Effizienzmaßnahmen, ist dagegen limitiert.

Daraus ergibt sich ein wichtiger Punkt:
Ein übermäßig granularer Ansatz führt nicht automatisch zu präziseren Ergebnissen er erzeugt primär administrativen Aufwand, ohne den Footprint signifikant zu beeinflussen.

Standardisierte Datensätze für die Materialkette sind deshalb kein Rückschritt, sondern eine notwendige Vereinfachung für ein belastbares Ergebnis.

5. China und der globale Markt: Transparenz vs. Schutz geistigen Eigentums

Besonders kritisch äußern sich chinesische Hersteller und Verbände. Die Kernpunkte:

  • Offenlegung granularer Produktionsdaten ist nicht akzeptabel.

  • Die detaillierten PEF-Anforderungen würden Einblick in wertvolle Prozess-IP geben.

  • Der Export in die EU wäre erschwert, wenn vollständige Primärdaten verpflichtend wären.

6. Unsere Einschätzung: Der Delegated Act wird stark vereinfacht werden müssen

Nach Auswertung aller Rückmeldungen sind wir überzeugt:

Die finale Methodik wird pragmatischer, standardisierter und weniger granular ausfallen oder sie wird in der Praxis nicht funktionieren.

Die Gründe:

  1. KMU können die derzeitige Komplexität nicht bewältigen.

  2. Globale Lieferketten liefern nicht die benötigten Primärdaten.

  3. Die Genauigkeit vieler Berechnungsschritte ist trotz Komplexität nicht gewährleistet.

  4. Die größten CO₂-Hebel liegen in Bereichen, die politisch besser über Standardwerte reguliert werden können.

  5. Ein interoperabler Datenfluss ist nur mit klaren, schlanken Schnittstellen realisierbar.

Die Richtung stimmt, aber der Weg muss noch deutlich geschärft werden.

7. Was Unternehmen jetzt tun sollten

Unabhängig vom finalen Text des Delegated Acts sollten Unternehmen jetzt:

  • Digitale Datenmodelle und Workflows aufbauen, die Batteriepass und CO₂-Berechnung verbinden.

  • Material- und Prozessdaten strukturiert erfassen, soweit sie verfügbar sind.

  • Schnittstellenfähige Lösungen nutzen, um künftig sowohl Primär- als auch Sekundärdaten effizient verarbeiten zu können.

  • Sich auf standardisierte EU-Datenpools vorbereiten, die sehr wahrscheinlich kommen werden.

Wer heute beginnt, wird ab 2027 nicht nur konform sein, sondern auch transparenter, effizienter und wettbewerbsfähiger.